(Foto: Melanie Többe, Emstek)
Gemeinsam mit dem Netzwerk Fokus Tierwohl, der Versuchsstation Wehnen und TiPP fand ein Seminar zum Thema „Kupierverzicht in der Schweinehaltung“ statt. Gesetzlich ist das Kupieren der Schwanzspitze von Schweinen in den meisten europäischen Ländern nur in Ausnahmefällen erlaubt – und dennoch greifen viele Betriebe auf diese Ausnahmeregelung zurück. Unter dem Motto „Theorie trifft Praxis“ ging es darum einen Einblick in den „Kupierverzicht“ zu bekommen, Erkenntnisse aus Projekten in der Versuchsstation Wehnen und eigene Erfahrungen auszutauschen, wie der Kupierverzicht erfolgreich umgesetzt und Schwanzbeißen im Stall verhindert werden kann.
Die Empfehlungen aus dem BLE klingen recht eindeutig: Hauptursachen für Schwanzbeißen sind Stress, schlechte Haltung, mangelnde Beschäftigung und unzureichende Stallbedingungen wie Zugluft, schlechte Futter- oder Wasserqualität. Gute Fütterung, mehr Platz, Beschäftigungsmaterial und tägliche Beobachtung können Schwanzbeißen stark reduzieren.
Aber dann wird es komplizierter: manche Schweine, die im Stall unter Stress geraten, beginnen damit, andere Tiere zu schädigen. Andere nicht. Die Ursachen für Schwanzbeißen sind vielfältig. Es gibt nicht die eine Ursache, die alles erklärt. Umgekehrt gibt es auch kein „Königsrezept“ für alles. Eine Teilnehmende berichtet, dass sie monatelang Ruhe hatten und urplötzlich bricht das Schwanzbeißen wieder aus. Das Geschehen kennen viele Teilnehmende und waren sehr daran interessiert, welche wissenschaftliche Studien, welche neuen Erkenntnisse aus der Versuchsstation für Schweinehaltung und welche Empfehlungen es gibt.
Kai Gevers, Leiter der Versuchsstation für Schweinehaltung der LWK Niedersachsen in Wehnen, hat in seinem Vortrag seine bisherigen Erfahrungen aus der Teilnahme an drei Projekten (KoVesch, DigiSchwein, TiPP), in denen die Vermeidung von Schwanzbeißen ein zentraler Aspekt war, vorgestellt. Die Versuchsstation kann auf eine umfangreiche Datenbasis zurückgreifen, ist aber auch nicht frei von der Caudophagie.
In den Projekten wird mit unterschiedlichen Temperatur-Zonen, Beschäftigungsmaterial, Bodenbeschaffenheiten, Futter, Tränkeplatzangeboten, digitaler Sensorik und Künstlicher Intelligenz u.v.m. experimentiert. In diesem Kontext wird das Tierverhalten analysiert und ausgewertet. KI kann Tätertiere zuverlässig erkennen und bildet daher eine gute Ergänzung zur Beobachtung durch das Stallpersonal (vgl. Heseker et al. 2024). „Digitale Technologien können den Betriebsleiter niemals ersetzen, bieten aber gute Möglichkeiten zur Effizienzsteigerung“, so Kai Gevers, Leiter der Versuchsstation in Wehnen.
Die Buchtenstrukturierungen sind in den Projekten immer wieder angepasst worden. Im Projekt KoVeSch wurde in der Ferkelaufzucht und Mast die so genannte Komfort-Plus-Bucht eingerichtet, wo die Bucht als Drei-Flächen-Bucht aufgebaut wurde, die aus verschiedenen Funktionsbereichen bestand. Es gab einen Ruhebereich, der wärmer zu halten war, einen Aktivitäts- und Fressbereich sowie einen Kotbereich. Daneben wurden Vergleichsbuchten angelegt, in denen das Platzangebot (z.B. in der FAZ 0,35 qm statt 0,5 qm in der Komfort-Plus-Bucht), das Verhältnis von Tieren und Beschäftigungsmaterial, von Tieren und Trink- und Fressplätze variiert wurden.

Quelle: Kai Gevers, LWK Niedersachsen, Wehnen
Im Projekt DigiSchwein wurde zunächst alles hell ausgeleuchtet, damit die digitalen Werkzeuge besser zum Einsatz kommen konnten, eine geschlossene RFID-Station zur Einzeltier-Daten-Erfassung (Trinken, Wiegen), RGB- und Infrarot-Kameras, Mikrofone zur Erkennung von Hustenerkrankungen („SoundTalks“) sowie eine IBO-Anlage zur Beschäftigung mit Raufutter wurden angeschafft. In jeder Bucht wurden zwei Trinkstationen mit zwei Nippeltränken, einem Trockenfutterautomaten und Sisalseilen als grundlegendes Anreicherungsmaterial angeboten. „Einen großen Einfluss“, so Kai Gevers, „nimmt das Mikroklima zur Umsetzung der Buchtenstrukur in den Buchten ein. Und das vor allem in der Ferkelaufzucht.“ Bspw. wird die Raumtemperatur in einem Abteil in der FAZ mit nicht beheizbaren Ferkelnest zu Beginn auf 28 °C eingestellt und binnen einer Woche auf 23 °C reduziert – anschließend bis zum Ende der FAZ auf 18 °C abgesenkt. Im Hochsommer stößt man hierbei an seine Grenzen und muss mit entsprechenden Maßnahmen unterstützen. Aber auch die Luftgeschwindigkeit spielt eine große Rolle.
Zugluft, Temperaturabfall und starke Temperatursteigungen oder Futterstress können zu einer deutlichen Erhöhung für das Schwanzbeißen führen. Störungen in der Wasser- und Futterversorgung, in den Luft- und Temperaturverhältnissen haben einen sehr großen Einfluss auf das Schwanzbeißen. Kritische Episoden (mit vermehrten Schwanzbeißen) waren in Wehnen beispielsweise ab Tag 14 in der Ferkelaufzucht und kurz vor dem Ende der Ferkelaufzucht, ab Tag 35, d.h. 3 Tage vor Umstallung in die Mast zu beobachten. Mit den Mikroklimabereichen und angepassten Temperaturkurven sind die Probleme ab Tag 14 aber nahezu zum Erliegen gekommen.

Quelle: Jan-Hendrik Witte, Uni Oldenburg, Abtl. Wirtschaftsinformatik: Künstliche Intelligenz hilft bei der Erkennung des Schwanzbeiß-Geschehens
In Ergänzung dazu kann die Aufzeichnung über ein Mikrofon und dem Scream Detektor helfen, das Geschehen frühzeitig zu erkennen. Immer wenn ein Ton mehr als 1kHz ansteigt, zeichnet der Scream Detector das Geschehen auf. Schreie können früher als die Zunahme der hängenden Schwänze erkannt werden (vgl. Heseker et al. 2024).
Die Buchtenstrukturierung, die optimale Wasserversorgung, das Mikroklima und die Futterversorgung sind wichtig, damit kein Ressourcenstress entsteht! 80 % der Gesundheit beim Schwein entscheiden sich über den Darm (vgl. Schemmer 2024). Die vielen Empfehlungen und Erfahrungen können hier nicht in aller Kürze wiedergegeben werden. Oft kommt es auf Details an und es zeigt sich, dass das Zusammenwirken von Maßnahmen von hoher Bedeutung ist. Daher werden in der Versuchsstation der Landwirtschaftskammer Niedersachsen in Wehnen einzelne Begebenheiten laufend angepasst und versucht kritische Parameter weiter einzugrenzen und die gewonnenen Erfahrungen zu reflektieren, um sie an Theorie und Praxis weiterzugeben.
Weitere Vertiefungen & Informationen:
Kai Gevers: Kupierverzicht – bessere Buchtenstrukturierung nach Umbau, Webcode 01043980 (Stand: 28.02.2025)
Landwirtschaftskammer Niedersachsen, BMEL (2016): Reduzierung des Risikos Schwanzbeißen und Kannibalismus von Schweinen, Oldenburg – Bonn (Leitfaden)
Netzwerk Fokus Tierwohl: SchweineWohl im Fokus – Alternative Abferkelsysteme, Broschüre, www.fokus-tierwohl.de/de/schwein/fachinformationen-muttersau/alternative-abferkelsysteme-teil-1-bewegungsbuchten-und-buchten-zur-freien-abferkelung
www.ringelschwanz.info/nationales-wissensnetzwerk-kupierverzicht.html
Sirkka Schukat, Heiko Heise (2019): Indikatoren für die Früherkennung von Schwanzbeißen bei Schweinen – eine Metaanalyse, Berichte über Landwirtschaft, Band 97, Ausgabe 3, https://buel.bmel.de/index.php/buel/article/view/249/455
Philipp Heseker, Tjard Bergmann , Marina Scheumann , Imke Traulsen Nicole Kemper & Jeanette Probst (2024): Detecting tail biters by monitoring pig screams in weaning pigs, www.nature.com/articles/s41598-024-55336-7
Schemmer, Ralf (2024): Gesunder Darm – gesundes Schwein, in: FeedMagazine/Kraftfutter 7-8, 2024, S. 27-30, see:
https://bewital-agri.de/wp-content/uploads/2024/08/Feed_Magazine_7-8_2024.pdf
