(Titelfoto © Christopher Hanraets, LWK Niedersachsen)
Nach seinem Erfolg bei der Entwicklung einer digitalen Kuhbrille hatte Benito Weise die Idee eine virtuelle Schweinebrille einzusetzen, um die visuelle Wahrnehmung von Schweinen nachzubilden. Benito Weise ist für die überbetriebliche Ausbildung der Landwirtschaftskammer zuständig und entwickelte den Prototyp einer VR-Brille für die Sinneswahrnehmung von Schweinen. Die Simulation ermöglicht es den Benutzern, die visuelle Perspektive von Schweinen virtuell einzunehmen und damit ihr Sichtfeld, die räumliche Perspektive und das Wahrnehmungsspektrum von Farben besser zu verstehen.
Eingeladen hatten das Netzwerk Fokus Tierwohl und das Projekt TIPP zur Versuchsstation der Landwirtschaftskammer Niedersachsen nach Wehnen. 15 Teilnehmende aus ganz Niedersachsen wollten sich die Chance nicht entgehen lassen und informierten sich über die Anpassungsstrategien von Schweinen, ihre Sozialstrukturen und Kommunikation. Im Mittelpunkt des Seminars standen die Besonderheiten des Sinneswahrnehmungssystems von Schweinen im Vergleich zu anderen Haustieren und zum Menschen: Was sehen Schweine? Welche Farben können sie wahrnehmen? Wie ist ihr Sichtfeld? Wie gut ist ihr Hör- und Tastsinn entwickelt? Welche Konsequenzen hat die Wahrnehmung für einen tiergerechten Umgang mit Schweinen?
Die Wahrnehmung von Schweinen unterscheidet sich stark von anderen Tieren und von uns Menschen. Schweine haben ein viel breiteres Sichtfeld und können wie ein Froschauge 310 Grad sehen – Menschen dagegen sehen nur 110 Grad. Allerdings ist ihre Sehschärfe wesentlich geringer als die des Menschen. „Man schätzt, dass Schweine nur einen kleinen Bereich von etwa 50 Grad richtig scharf erkennen können“, so Benito Weise. Schweine können in einem größeren Radius sehen und können seitlich noch bis etwa 1,50 m ‚rückwärts‘ blicken.

Wie das Schwein im Raum sieht: Das Sehfeld eines Schweines reicht sogar für Rückwärtssehen – sie können etwa 1,50 m seitlich hinter sich sehen. © Christopher Hanraets, LWK Niedersachsen
Während wir Menschen drei Farbzapfen („Trichromat“) im Auge haben und damit sehr viele Farben unterscheiden können, hat das Schwein anatomisch nur zwei Farbzapfen („Dichromat“) und sieht nur im Blau-, Grün- und Gelbbereich. Farben aus dem Rotspektrum erkennt das Schwein nur als grau. Außerdem können sie dunkle Farbtöne schlecht voneinander unterscheiden. Sobald das Licht ausgeschaltet wird, sehen Schweine fast gar nichts – ihre Sehschärfe schwindet und sie können keine Farben erkennen. Die Teilnehmenden konnten im Seminar dank einer VR-Schweinebrille die Welt mit den Augen eines Schweines betrachten.
Die VR-Brille ermöglicht einen unglaublichen Aha-Effekt. Die Welt durch die Augen eines Schweins zu sehen, muss man erlebt haben. Es ist kaum in Worte zu fassen. Der rechte Winkel wird verdrängt von einstürzenden Linien: Selbst der Durchgang durch eine normale Tür, durch die wir täglich gehen, wird zum Wagnis. „Du hast das Gefühl, du schaffst es nicht,“ so ein Teilnehmer.
Anatomisch sind die Augen der Schweine seitlich angeordnet, damit können sie eher schlecht nach oben sehen – ohne ihren ganzen Kopf zu erheben. Alles, was auf der Erde liegt, erweckt dagegen ihre Neugierde: blauer Beißigel, blaue Handschuhe, grüne Gummistiefel, Gegenstände mit Strukturen usw. Wer sie mit einem roten Treibpaddel treiben will, sollte wissen, dass die kleinen Kügelchen, die Geräusche machen, das Schwein treibt – nicht aber die rote Farbe, die das Tier gar nicht erkennt, denn das Rot wird zum Grau für ein Schwein. Viele Teilnehmende empfanden die VR-Brille als sehr hilfreich, um die Reaktion von Schweinen besser zu verstehen. Das Seminar war eine sehr gelungene Veranstaltung mit einer interessanten Mischung aus Theorie und Praxis.

Welche Farben erkennt ein Schwein? © Christopher Hanraets, Landwirtschaftskammer Niedersachsen
